100. Todestag Fürstin Leonilla

Erstellt am 3. Februar 2018 von

Fürstin Leonilla zu Sayn-Wittgenstein-Sayn-Sayn zum 100. Todestag

Am 1. Februar 2018 jährte sich zum 100. Mal der Todestag einer großen Dame des 19. Jahrhunderts. Als Tochter des Kaiserl. Russischen Gesandten Fürst Iwan Bariatinsky 1816 geboren, verlebte sie ihre Kindheit im Schloss Marino bei Iwanowskoje (Kursk), zwischen Moskau und Kiew gelegen.

Leonillas Mutter Marie war Hofdame bei Zarin Alexandra Feodorowna, einer geborenen Prinzessin Charlotte von Preußen. Als 9 jährige holte die Kaiserin auch Leonilla an den Hof in St. Petersburg, wo sie gemeinsam mit ihr vom Fenster des Winterpalastes die Niederschlagung des Dekabristen-Aufstandes durch den reaktionären Zaren Nikolaus I. miterlebte – nicht wissend, dass sowohl ihr Bruder als auch ihr zukünftiger Ehemann zu den Putschisten zählten, die zur Krönung des Zaren soziale Erneuerungen forderten. Fünf Jahre später erlebte Leonilla bei der Juli-Revolution in Paris, wie der letzte Bourbonenkönig Karl X. vom Thron gefegt wurde. Und in Berlin war sie 1848 Zeitzeugin, als Friedrich Wilhelm IV. barhäuptig den getöteten Aufständischen seine Referenz erweisen musste.

1834 heiratete Leonilla auf Vermittlung der Zarin den gerade verwitweten Fürst Ludwig zu Sayn-Wittgenstein, Sohn von Feldmarschall Peter, dem gefeierten Helden des Vaterländischen Krieges gegen Napoleon. Ludwig war durch das Erbe seiner ersten Frau Prinzessin Stephanie Radziwill und durch erhebliche Dotationen seines Vaters zum größten Grundbesitzer Russlands geworden. Etwa 1,3 Millionen ha Land wurden von 100.000 Leibeigenen bewirtschaftet. Ludwig und Leonilla, als Zeugen sozialer Missstände und politischer Unruhen geprägt, setzten sich engagiert für die Abschaffung der Leibeigenschaft auf ihren Gütern, für soziale Verbesserungen und die Schulbildung der Landbevölkerung ein.

Nach dem Tod des in Russland überaus beliebten Feldmarschalls Peter fiel Ludwig bei Nikolaus I. zusehends in Ungnade und musste den Militärdienst quittieren. Seine Rolle als führender Dekabrist konnte nicht länger verheimlicht werden. Auch stellte der ausgedehnte Grundbesitz eines preußischen Staatsbürgers entlang der russischen Westgrenze von Litauen bis zum Schwarzen Meer die Sicherheit Russlands in Frage. Das veranlasste Ludwig und Leonilla zum Verlassen des Russischen Reichs.

Die Bemühungen zum Erwerb eines größeren Besitzes in Deutschland blieben erfolglos. Lediglich das kurz vor dem 30-jährigen Krieg verlassene Sayn bot sich als neue Heimstätte an. Dort wurde ein 80 ha großes Rittergut mit Schloss von dem Koblenzer Landrat Graf Boos-Waldeck erworben. Vom preußischen König erhielt das heimkehrende Paar die Ruine der Stammburg Sayn als Geschenk. Mit viel Aufwand und unter hohem Zeitdruck verwandelte der Pariser Architekt Alphonse J. Girard 1848 – 50 das Boos’sche Schloss in eine fürstliche Residenz, die der preußische König bei seinem ersten Besuch als „Märchenschloss“ bezeichnete.

Leonilla ließ eine neue Kapelle am Schloss zur Aufbewahrung des Armreliquiars der Hl. Elisabeth errichten, deren direkte Nachkommin sie war. Gegenüber schuf sie das Leonilla-Stift als Kloster zur Betreuung der Kinder und Alten des Ortes. Sie bemühte sich um das Wohlergehen der seit dem Revolutionsjahr 1848 verarmten Bevölkerung und schenkte den „Sayner Barfußläufern“ Schuhe und Kleidung. Bei dem Umbau des Sayner Schlosses legten Ludwig und Leonilla besonderen Wert auf die Beschäftigung der vielen damals Erwerbslosen aus der ganzen Region. Sie ließen in der benachbarten Sayner Hütte nicht nur die Treppen des Schlosses in Eisen gießen sondern, ganz einmalig in der Baugeschichte, auch die Fenstergewände und Gaupen in Guss herstellen. Das sicherte über mehrere Jahre den Lebensunterhalt zahlreicher Hüttenarbeiter und ihrer Familien.

Ludwig kaufte verschiedene Stadtpalais in Paris, Rom und Berlin, die das fürstliche Paar zu häufigen Reisen an die Höfe der befreundeten Monarchen nutzte. Dort besuchten Ludwig und Leonilla die Ateliers der bekanntesten Künstler und erwarben eine bedeutende Sammlung von Werken des 19. Jahrhunderts zur Ausstattung von Schloss Sayn. Seine schöne Frau ließ Ludwig von den besten Malern der Zeit portraitieren, wie Horace Vernet, Franz X. Winterhalter, Johann S. Otto oder Iwan Aiwasowski.

An einem Nervenleiden erkrankt, starb Fürst Ludwig 1866 in Cannes. Unter seinen Söhnen ließ sich zunächst kein Erbe finden, weil die ältesten drei durch ihre nicht standesgemäßen Ehen mit Schauspielerinnen der Reihe nach von der Erbfolge ausgeschlossen wurden. Erst der Jüngste, Alexander, war durch die Heirat mit Yvonne, Tochter des französischen Herzogs von Blacas, erbberechtigt. Auch Leonillas einzige Tochter Antoinette heiratete ins Ausland. Durch ihren Ehemann, den römischen Fürsten Mario Chigi-Albani, lernte Leonilla Pius IX. kennen und konvertierte zum Katholizismus. Sowohl der Papst als auch Kaiserin Augusta, die durch ihre Aufenthalte in Koblenz zu einer engen Freundin wurde, baten Leonilla wegen ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen in den Kriegen des späten 19. Jahrhunderts friedensstiftend zu vermitteln.

Die letzten 30 Jahre ihres Lebens verbrachte Leonilla am Genfer See. In Ouchy ließ sie eine neue Kirche bauen und nahebei empfing sie in ihrer „Villa Monabri“ bis zu ihrem Lebensende zahlreiche bedeutende Gäste. Fürstin Leonilla starb 1918 gleichzeitig mit dem Untergang des Zarenreiches in ihrem 102. Lebensjahr. Ihre letzte Ruhe fand sie in der Krypta ihrer Sayner Schlosskapelle.

 

Fürstin Leonilla mit ihrer Familie von Horace Vernet

Leonilla mit Tochter Antoinette (Johann S.Otto)

Leonilla mit Lieblingsenkel Prinz Gustav Alexander

Sarkophag Leonilla