200. Geburtstag – Fürstin Leonilla zu Sayn-Wittgenstein-Sayn

Erstellt am 9. Mai 2016 von

Zum 200. Geburtstag der Fürstin Leonilla zu Sayn-Wittgenstein-Sayn (09.05.1816 – 01.02.1918)

Engagierte Zeitzeugin, schön und wohltätig

„…ich beglückwünsche mich jeden Tag, in meiner Jugend fast alle Länder Europas bereist, die vielfältigen Angebote, die sie dem Reisenden machen, genutzt und vor allem den unvergleichlichen Charme des Mittelmeers genossen zu haben, seine strahlende Sonne, seine idealen Nächte. Aber vor allem danke ich der Vorsehung, dass sie mich hat die ausgezeichnetsten Männer, die heute schon zur Geschichte gehören, hat treffen lassen, und Frauen, deren Tugend und Charme in meinem Leben unauslöschliche Spuren hinterlassen hat. Im Laufe dieser bewegten Jahre war es mir gegeben, Perioden politischer Unruhen und entscheidender Umstürze mitzuerleben, die brillanten Debuts der Großen dieser Welt zu befördern, gefolgt oft von nicht mehr wieder rückgängig zu machenden Stürzen. Ich habe Dynastien gesehen, die scheinbar völlig festgefügt waren und sich doch aufgelöst haben, gefolgt von neuen Dynastien, und jahrhundertealte Geschlechter, die dann plötzlich spurlos ausgelöscht waren.“

Fürstin Leonilla zu Sayn-Wittgenstein-Sayn übertreibt im Vorwort ihrer 1907 in Paris veröffentlichten „Souvenirs“ nicht. Tatsächlich war sie Augenzeugin wichtiger politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, verfolgt als Neunjährige mit Zarin Alexandra von einem Fenster des Winterpalasts in St. Petersburg aus den gescheiterten Aufstand der Dezembristen, russischer Offiziere, die gegen den neuen Zar Nikolaus I. und das autokratische Zarenregime rebellieren – ohne zu ahnen, dass ihr zukünftiger Mann zu den Aufständischen zählt. 1830 ist sie in Paris, als die Julirevolution ausbricht und erlebt 1848 hier auch die Februarrevolution, bevor sie in Berlin Zeugin der Märzrevolution wird, auch sie Ausdruck der bürgerlich-demokratischen und nationalen Einheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen gegen die restaurativen Tendenzen in Mitteleuropa.

All diese Ereignisse schildert sie in ihren Lebenserinnungen aus mehr als acht Jahrzehnten. Am 9. Mai 1816 wird sie als Tochter des Fürsten Ivan Ivanovitch Bariatinsky in eine der mächtigsten und begütertsten russischen Familien hineingeboren. 1834 heiratet die junge Fürstin, ebenso reich wie intelligent und schön, Ludwig Adolf Friedrich, den ältesten Sohn des russischen Generalfeldmarschalls Peter Fürst zu Sayn-Wittgenstein, dessen erste Frau Caroline Stephanie, eine geborene Prinzessin Radziwill, zwei Jahre zuvor verstorben war.

1848 zieht Leonilla mit ihrem Gatten an den Stammsitz seiner Familie in Sayn am Rhein. „Wir hatten uns als Domizil Sayn, an den malerischen Ufern des Rheins gelegen, gewählt, zu Füßen eines waldreichen Hügels, überragt von den Ruinen dreier Burgen. Seit undenklichen Zeiten unbewohnt, waren diese Ruinen in den Besitz des Staats übergegangen und es war im vorigen Jahrhundert, als König Friedrich Wilhelm III. die Delikatesse und Aufmerksamkeit bewies, sie meinem Schwiegervater, dem Feldmarschall Wittgenstein, zu schenken…:Die Einwohner von Sayn waren arm und völlig vernachlässigt im Hinblick selbst auf die elementarste Bildung“, beschreibt die Fürstin ihre neue Heimat.

Hier residiert das Paar in einem nach den Plänen des Architekten und späteren Generalintendanten des Louvre, François Joseph Girard, neugotisch modernisierten und umgebauten Schloss, gleich unterhalb des Burgbergs, der mit in die Gestaltung des neu im englischen Stil angelegten Schlossparks einbezogen wird. Die Fürstin engagiert sich auch in Sayn, wie zuvor in Russland, sozial, gründet in einem dem Schloss benachbarten Gebäude das Leonilla-Stift, in dem Ordensschwestern, vor allem die des jungen Dernbacher Ordens der „armen Dienstmägde Christi“, Kranke pflegen, für Arme sammeln und Mädchen in Haus- und Handarbeit unterweisen. Viel Zeit verbringt das Fürstenpaar auf ausgedehnten Reisen durch Europa. Auf einer dieser Reisen stirbt Ludwig am 20. Juni 1866 in Cannes; bestattet wird er in der Krypta der im Auftrag Leonillas für das kostbare Armreliquiar der heiligen Elisabeth, das Graf Boos von Waldeck der Fürstin als direkter Nachfahrin Elisabeths geschenkt hatte, von dem Koblenzer Hermann Nebel errichteten Schlosskapelle.

1870 bittet Kaiserin Augusta die mit ihr befreundete Leonilla um Mithilfe beim Versuch, den Deutsch-Französischen Krieg zu beenden. Als möglichen Vermittler schlägt die Fürstin den Bischof von Orleans, Félix Dupanloup vor, für den und seine umstrittene Interpretation des päpstlichen „Syllabus errorum“ sie sich in einer Audienz bei Papst Pius IX. eingesetzt hatte. In Orleans erreicht sie eine Depesche der Kaiserin, die ihr mitteilt, dass der Bischof nicht länger als Vermittler akzeptiert wird. Schuld daran ist ein Hirtenbrief, in dem er seine Diözese aufforderte, bis zum letzten Atemzug gegen die Preußen zu kämpfen.

Die letzten vier Jahrzehnte ihres Lebens verbringt die Fürstin in Ouchy, in einer oberhalb des Genfer Sees gelegenen Villa, die rasch zum Treffpunkt für Adlige, Künstler, Politiker und Wissenschaftler aus ganz Europa wird. Hier feiert sie ihren 100. Geburtstag „in bester geistiger und körperlicher Gesundheit“, so die Marquise de Fontenoy, eigentlich Marguerite Cunliff-Owen, Zeitungskolumnistin und so etwas wie eine Elsa Maxwell ihrer Tage. Am 1. Februar 1918 stirbt Leonilla. Beigesetzt wird sie neben ihrem Gemahl in der Krypta „ihrer“ Schlosskapelle.

Alexander, der siebte Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, würdigt die herausragender Persönlichkeit seiner Ahnherrin: „Sie war unter den Wichtigen, Mächtigen und Einflussreichen ihrer Zeit bestens vernetzt, und hat das in ihrem langen Leben intensiv genutzt um Gutes zu tun, Bleibendes zu schaffen und sozial für die Menschen in ihrem Umfeld tätig zu sein, sowohl in ihrer russischen Heimat als auch später in Deutschland und in der Schweiz, wie die Errichtung des Leonilla-Stifts für die verarmte Sayner Bevölkerung, die Friedensgespräche mit Papst Pius IX und weltlichen Herrschern zur Beendigung des Krieges gegen Frankreich 1870 und zur Vermeidung des 1. Weltkriegs oder der Bau einer Kirche in Ouchy am Genfersee.“

Andacht am Sarkophag der Fürstin Leonilla in der Krypta der Schlosskapelle. Zur Feier kam auch die 96 jährige Fürstin Marianne nach Sayn.

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(Text: Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach)